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Feuerwehr: Wie gehen Einsatzkräfte mit schwierigen Einsätzen um?
„Man lernt, damit zu leben.“
Dramatische Einsätze mit verletzten oder sogar toten Menschen gehen auch an den Einsatzkräften nicht spurlos vorbei. Wie verarbeiten Feuerwehrmänner schwierige Einsätze? Auf dem Foto zum Glück nur eine Feuerwehrübung im B3-Tunnel. Foto: Wenzel
Es passierte an einem Samstagmorgen um 7.56 Uhr: Ein 23-jähriger Mann verliert kurz hinter dem Ort Lödingsen die Gewalt über sein Fahrzeug und es kommt zum Frontalcrash mit dem Auto einer 70-jährigen Frau, die noch am Unfallort verstirbt. Sie muss aus dem Fahrzeug herausgeschnitten werden. Der Unfallverursacher kommt mit schweren inneren Verletzungen ins Krankenhaus. Der Unfallort ist schon auf den Fotos in den Zeitungen ein schrecklicher Anblick, wie gehen die Menschen damit um, die regelmäßig so etwas sehen und die hier Hilfe leisten? Der ExtraTiP sprach darüber mit Jörg Stöber, Rettungswachenleiter bei der Berufsfeuerwehr Göttingen und zuständig für die Ausbildung, Thomas Kleinhans, Pressewart des Kreisfeuerwehrverbandes Göttingen e.V. und Pastoralreferent Andreas Kieslich von der Ökumenischen Notfallseelsorge.
Für Feuerwehrmänner, die nach einem dramatischen Einsatz Schwierigkeiten haben, ihn zu verarbeiten, gibt es außerdem professionelle psychologische Hilfe und auch die Möglichkeit, für eine Weile aus den Einsätzen herausgenommen zu werden. Dass ein Mitarbeiter aufgrund eines besonders dramatischen Einsatzes den Dienst quittieren musste, davon ist Stöber nichts bekannt. „
Das Nachgespräch ergibt sich wie von selbst. Man säubert im Gerätehaus noch Werkzeug, stellt die Löschfahrzeuge wieder bereit, dabei unterhält man sich bereits über den Einsatz. Das passiert von ganz alleine, es war schon immer so bei den Feuerwehren und das muss auch so sein“, weiß Thomas Kleinhans. Auch bei den freiwilligen Feuerwehren gibt es nach besonders schlimmen Einsätzen lange Nachbesprechungen. Aufgabe der Feuerwehrmänner in Führungspositionen sei es dabei, genau zuzuhören um herauszufinden, ob ein Kamerad mehr als andere an dem Gesehenen zu „knabbern“ hat und entsprechend zu reagieren.
Ganz wichtig, so Kleinhans, sei auch das umsichtige Einsetzen der Rettungskräfte am Unfallort. Bei dem Unfall in Adelebsen etwa habe man die jungen Feuerwehrkräfte vom Auto mit der Toten ferngehalten und zum Beispiel zu Verkehrssicherungsmaßnahmen herangezogen: „An dem Auto haben erfahrene Feuerwehrmänner mit der Rettungsschere gearbeitet, in solche Einsätze muss man erst langsam hineinwachsen. Auch wenn – was gerade im ländlichen Bereich vorkommt – das Unfallopfer einem Feuerwehrmann gut bekannt ist, wird dieser möglichst weit vom Unfallort weg eingesetzt.“
Ähnliches sei auch beim Brand im Ökonomikum passiert, bei dem ein Feuerwehrmann aus Geismar ums Leben kam: „Wir Feuerwehrmänner aus Geismar wurden aus dem Geschehen herausgenommen, sobald das möglich war und wurden mit einem Stadtbus zurück in unsere Feuerwache gefahren. Das war auch genau richtig so“, berichtet Kleinhans von dem Einsatz, der für die Göttinger Feuerwehrmänner der schlimmste überhaupt war. Dieses dramatische Ereignis im Juli 2006 wurden bei allen Feuerwehren ausführlich nachbesprochen und ist bis heute ein Thema in Gesprächen. „Am heftigsten war es für die Kameraden, die den verunglückten Feuerwehrmann gefunden hatten, denn sie fanden ihn leblos vor“, berichtet Kleinhans.
Wie tief der Schock bei allen Feuerwehrmännern saß, hätte sich bei darauf folgenden Übungen gezeigt. Kleinhans: „Es wurden gezielt Kellerbrände simuliert, da gab es mehr als einen Kameraden, der sich mitten in der Übung die Maske vom Gesicht gezogen hat und einfach nicht weitermachen konnte.“ Nach und nach hätten aber alle das Geschehene verarbeitet, nicht einer hätte die Feuerwehr verlassen. „Geholfen hat uns allen sehr, dass die Familie des Verstorbenen sich weiter in der Feuerwehr engagiert.“
Welche Einsätze machen den Feuerwehrmännern besonders zu schaffen? „Egal, wen sie fragen: Wenn Kinder betroffen sind, schwer verletzt oder sogar tot – das nimmt jeden mit. Auch eingeklemmte Personen, denen man nicht sofort helfen kann, das ist eine schwierige Situation“, berichtet Jörg Stöber. Und Kleinhans ergänzt: „Schlimm ist es, wenn einem die Menschen entgleiten. Eben war die eingeklemmte Person noch ansprechbar, dann wird sie bewusstlos, der Zustand verschlechtert sich und man kann nicht so helfen, wie man möchte und könnte.“ Als Beispiel nennt er eine Situation von seinem ersten Einsatz als Pressewart: „Bei einem Eisenbahnunglück war eine Frau unter dem Zug eingeklemmt. Ein Feuerwehrmann hielt sie in den Armen und beruhigte sie, während andere versuchten, sie freizuschneiden. Aber noch bevor das gelang, starb die Frau. Das nimmt einen wirklich mit. Das sind Bilder, die bleiben, aber man lernt, damit zu leben.“
Ein Zugunglück war es auch, dass die seelische Betreuung von Helfern ins Rampenlicht rückte und die Notfallseelsorge „modern“ machte: Eschede im Juni 1998. Seit April 2000 gibt es die ökumenische Notfallseelsorge in Göttingen und Umgebung. „Erste Hilfe für die Seele“ leisten Seelsorger nebenamtlich zu ihrem Dienst in der Kirche. „Wir sind hauptsächlich für die Opfer und ihre Angehörigen, aber natürlich auch für die Einsatzkräfte da“, erläutert Andreas Kieslich. Wie finden er und seine Mitstreiter die richtigen Worte? „Manchmal reicht es, einfach nur da zu sein. Wir füllen Lücken – etwa, wenn nach einem Todesfall der Notarzt die Wohnung verlässt und der das Gefühl hat, die Angehörigen kann man jetzt nicht alleine lassen.“ Per Pieper werden die Seelsorger dann gerufen.
So neu sei die Idee aber nicht: „Solche Einsätze sind eigentlich eine Kernkompetenz der Kirchen. Schon als kleiner Junge habe ich in meinem kleinen Ort im Solling miterlebt, wie der Pfarrer bei Todesfällen der Familie beigestanden hat oder sogar gemeinsam mit der Polizei Todesnachrichten überbracht hat, das hat mich sehr beeindruckt“, so Kieslich. „Genauso war es dann ja auch bei dem schrecklichen Brand im Ökonomikum, wo der Geismarer Pastor vor Ort war und auch in der Folge für die Kameraden des verunglückten Feuerwehrmanns da war.“